Ilvas Lied

Ilvas Lied

Als ich eines Morgens an meinem Frühstückstisch setzte, saß jemand in meiner Tasse. Es war ein winziges Mädchen, das mich aus meergrünen Augen erschrocken anstarrte, unfähig, auch nur zu blinzeln.
“Was ist los?” fragte Lukas, mein neunzehnjähriger Bruder, “Du siehst so aus, als hättest du einen Geist gesehen.”
Ich schwieg. Erstens würde er lachen, weil ich vor einem so winzigen Ding erschrak. Zweitens würde er das Mädchen töten, wenn er es sah. Wegen dem Gesetz, und weil wir Krieg mit den Übernatürlichen hatten, und allem.
“Nein , alles in Ordnung,” antwortete ich hastig, aber in Gedanken traf ich damit eine Entscheidung. Ich hatte zwar noch nie so einen Winzling gesehen. Aber ich wusste irgendwie sofort, dass ich sie schützen musste. Lukas war okay. Er war nicht der schlechteste Bruder. Aber die Sache mit dem Zwergenmädchen war anders. Die meisten Menschen hassten Übernatürliche und auch bei Lukas war das nicht anders. Oder, besser gesagt, ich war anders. Ich bin diejenige, die die Übernatürlichen nicht hasst Ich konzentrierte mich auf mein Frühstück und lenkte Lukas mit belanglosen Gesprächen ab, bis er im Bad war. Dann nahm ich die Tasse mit kribbelnden Fingern in die Hand und sah hinein. Das Mädchen war immer noch da. Sie sah verängstigt aus.
“Wer bist du?” flüsterte ich
“Ich heiße Ilva” sagte sie.
Es klang nicht hoch, aber sehr leise, so, als würde sie mir von weitem zurufen. Ich konnte es kaum verstehen, aber der Name passte zu ihr. Sehr gut sogar.Während sie das sagte, sah sie mich mit hartem und zartem Gesichtsausdruck zugleich an. Dann rief mein Bruder aus dem Bad, ich solle mich beeilen, wir müssten gleich losfahren. Also setzte ich sie schnell in mein Brotdose, als ich diese in meinen Schulranzen packte. Ilva protestierte und wehrte sich, aber ich konnte keine Erklärungen geben, weil Lukas jeden Moment kommen konnte. Ich musste mich beeilen, denn er musste mich zur Schule fahren. Zwar war es für mich im Prinzip egal, weil er mich immer eine Stunde früher als nötig in die Schule brachte, aber er würde seine erste Schicht verpassen.

Ich putzte mir hektisch die Zähne, während Lukas nervös im Türrahmen stand und an die Wand trommelte. Als wir die kleine Hütte die wir “die Bruchbude” nannten verließen, fing es gerade an zu regnen. Und kaum fuhren wir mit unserem rostigen Kleinwagen aus dem Gartentor, wurden wir von der Polizei angehalten. Das erstaunte mich sehr, denn wir wohnten in einem kleinen Weiler im Nirgendwo und bei und gab es nicht mal ein Polizeirevier. Lukas wurde noch nervöser als er ohnehin schon war. Er würde den Schichtbeginn in seiner Fabrik verpassen. Lukas arbeitete in einer Fabrik, die Feenbekämpfungsmittel herstellte.
Einer der Polizisten klopfte an die Scheibe und Lukas kurbelte sie herunter. Der Polizist befragte Lukas.
“Haben sie in letzter Zeit ein fremdes Mädchen in ihrer Gegend gesehen? Silbrige Haare und grüne Augen?” fragte er.
Die Beschreibung traf verdammt genau auf das Mädchen in meiner Brotdose zu. Lukas schüttelte den Kopf. Ich tat es ihm gleich. Er verbarg seine Hektik gut. Ein fremdes Mädchen in Hagdorf wäre auch ziemlich auffällig gewesen.
“Sie ist etwas älter als ihre...” der Polizist zögerte und sah mich an.
“Schwester.” sagte ich bemühte mir meine Angst nicht anmerken zu lassen.
“Solltet ihr sie in nächster Zeit sehen,” fuhr der Polizist fort, “müsst ihr euch beim hiesigen Polizeiwachtmeister melden. Wer Hinweise gibt, die zur Ergreifung führen, oder gar selbst das Mädchen fängt, erhält eine Prämie. Sie ist eine Elfenspionin.”
War Ilva ein Winzling oder eine Elfe? Eine Fee war sie nicht. Feen hatten Flügel. Was war sie dann?
“Gut, wir werden wachsam sein.” mein Bruder nickte dem Polizisten zu.

Wie ein Erwachsener. Es tat immer weh, das zu sehen. Noch vor einigen Jahren hatte er ständig Scherze gemacht und es hatte Spaß gemacht zusammen mit im Spiele zu Spielen. Nun benahm er sich wie ein Erwachsener.
Meine Klassenkameraden fanden es seltsam, dass ich bei meinem Bruder lebte, aber das war, weil meine Eltern waren im Krieg gegen die Elfen gefallen waren. Unseretwegen. Mein Bruder hatte sich für mich geweigert in den Krieg zu ziehen, sehr zum Erstaunen unserer konservativen Nachbarn. Bei den meisten zogen die Söhne und Töchter in den Krieg. Aber meine Eltern hatten sich für uns geopfert. In einer Partei des Krieges, an die sie nicht einmal glaubten. Ich dachte normalerweise nicht über ihren Tod nach, weil ich dann immer aus dem Nichts heraus weinen musste. Außerdem, und das verriet ich niemandem, hoffte ich insgeheim, dass sie eines Tages zurückkehren würden. Auch wenn das unmöglich war. Lukas fuhr wieder an. Ich atmete leise auf. Ich wusste fast gar nichts über Elfen, aber ich wollte mehr über Elfen wissen und warum sollte ich dann nicht Freundschaft mit einem Winzling schließen? Es war das verbotenste, das ich mir vorstellen konnte.
Ich hatte beschlossen dem Mädchen zu helfen, einfach so. Ich wusste sicher, dass sie zu töten falsch war. Ich wusste schon immer, dass an diesem Krieg etwas nicht stimmte, aber erst an diesem Tag hatte ich mich mit einer Tat zu meiner Meinung bekannt. Noch wusste es niemand. Das konnte noch kommen

Glücklicherweise verlief der Rest der Fahrt problemlos. Außer einem Mal, als wir eine Vollbremsung an einer roten Ampel machen mussten und ich befürchtete, Ilva würde schreien oder sonst irgendwelche Geräusche machen, aber zum Glück blieb sie stumm. Lukas lud mich laufendem Motor vor der Schule aus und fuhr sofort weiter.

Obwohl es regnete, ließ ich mir Zeit. Es gab zwar noch einige andere Schüler, die früher kamen, aber ich hatte sowieso keine richtigen Freunde mehr, sie waren weggezogen und es gab niemanden, der mich vermissen konnte. Ich wollte mich gerade gegen das Schulportal stemmen, als jemand
“Geh bitte noch nicht rein, Leah!” rief.
Ich zuckte zusammen und sah mich um. Aber da war niemand. Und woher hatte der Sprecher meinen Namen gewusst? Die Leute sagten du zu mir, Mädchen, Fräulein Henz, oder wenn jemand abfällig über mich sprach, “die Henze” Nur Lukas nannte mich ab und zu Leah.
“Ich bin’s. Ilva.”
Ich drehte mich um und wäre fast in Ohnmacht gefallen. Da stand Ilva, genau so, wie ich sie in meiner Tasse gesehen hatte. Aber sie war kein Winzling mehr. Sie war eindeutig eine Elfe.

Ich hätte ins Sekretariat oder zum Pförtner rennen können und die Erwachsenen informieren können, dass eine Elfenspionin auf dem Schulhof stand. Ich hätte laut schreien oder einfach ins Schulgebäude gehen können. Aber ich tat keins von diesen Dingen. Ich starrte Ilva nur an, während mir tausend Fragen durch den Kopf ratterten.
Wer war sie? Woher wusste sie meinen Namen? Wie war sie aus meiner Brotdose herausgekommen? Was hatte sie denn getan, dass sie gesucht wurde? Und warum war sie jetzt groß? Was war das für Zauberei? Ich begann sie zu mustern, so wie sie mich musterte. Sie hatte Locken wie ich, nur dass sie sich bei ihr ordentlich den Nacken und die Schultern hinabschlängelten, während sie bei mir ungekämmt und zerzaust wirkten, wenn ich sie offen ließ. Ilva war erst vierzehn, wenn der Polizist recht hatte und war doch bereits Spionin. War sie das wirklich?Ich bemerkte, dass sie ein Messer in der Hand hielt.Und auf ihrem Rücken waren ein Bogen und Pfeile, die ich noch nicht bemerkt hatte. Elfenpfeilen wurde zerstörerische Kräfte nachgesagt. Und über die Elfen selbst sagte man, dass sie verrückt und gefährlich waren. Stimmte das, oder stimmte es nicht? Aber als hätte sie meine Gedanken gelesen, schob sie das Messer in die Scheide. Vielleicht hatte sie das wirklich getan. Meine Gedanken gelesen. Ich wusste ja nicht ob Elfen dazu fähig waren.
Schließlich brach sie das Schweigen.
“Danke für die Hilfe”
“Bitte” ich hatte keine Lust auf große Worte.
“Warum hast du mir geholfen?” Ilva sprach leise, fast flüsternd.
Ich wusste nicht warum, denn durch den Regen konnte uns sowieso niemand hören. Vielleicht war es eine Elfensitte.
“Ich weiß es nicht” sagte ich, und zuckte mit den Schultern.

Ich wusste es wirklich nicht. Nicht genau. Ich hatte ihr geholfen. Ich hatte in dem einen Moment, als Lukas mich harmlos fragte, was denn wäre, dazu entschieden, einer Übernatürlichen zu helfen. Punkt. Vielleicht war es der Hass auf den Staat, seit meine Eltern in diesen sinnlose Krieg gegen die Übernatürlichen gezogen waren, vielleicht war es die Einsamkeit, in der ich lebte, seit Jona und Alexa aufs Internat gingen. Eine unterbewusste Rebellion. Oder ich wusste einfach nicht mehr was ich tat, seit der Mann vom Jugendamt mit der Nachricht vom Tod meiner Eltern gekommen war. Aber eigentlich wusste ich es nicht.
“Kannst du mir noch einmal helfen?” fragte sie.

Ihre Stimme zitterte leicht, kaum herauszuhören. Ich versuchte hinter ihre ruhige und beherrschte Maske zu blicken. Sie war ziemlich verzweifelt. Und setzte alle Hoffnungen in mich. Und noch etwas neugieriges, das ich nicht genau einordnen konnte.
Warum sollte ich überhaupt helfen? Würde es mir helfen? Nein, im Gegenteil, ich konnte dafür ins Gefängnis kommen. Wegen Feindesverbrüderung. Oder in diesem Fall Feindesverschwesterung. Andererseits, war dieser Hass auf die Elfen nicht purer Rassismus? Schwachsinn, der die Menschen in aller Welt zwar zusammenschweißte und im Gegenzug dafür andere Wesen ausgrenzte. Und ich hatte ihr faktisch bereits einmal geholfen. Aber wobei sollte ich ihr ihr denn überhaupt helfen?
“Was verlangst du von mir?” fragte ich,
“Ich verlange nicht, ich bitte.” gab Ilva zurück
“Kannst du mich zum alten Steinturm bringen?” 
“Nur das?” fragte ich überrascht
“Nur das.” sagte Ilva
Das war gar nicht so schwer. Der Weg war nicht weit und ich konnte zurück, noch bevor der Unterricht begann. Aber so etwas einfaches konnte sie doch selber erledigen, oder? Ich wollte ehrlich gesagt keinen Ärger. Ich hatte genug Schulstress. Auch wenn das Wetter nicht danach aussah, ging das Schuljahr bald zu Ende und eine Menge Prüfungen standen bevor. Wenn ich mir jetzt noch Ärger wegen einer Elfe holte...

“Ich kenne den Weg nicht,” sagte Ilva “und wenn mich niemand trägt komme ich nicht pünktlich. Wenn ich dagegen groß bleibe, werde ich erwischt.” Sie hatte diesmal wirklich meine Gedanken gelesen. Hundertpro.Um ihre Aussage zu verstärken, strich sie ihre Haare zurück, damit ich ihre spitzen Ohren sah und ja wusste, wie auffällig sie war, als ob ihre sonstige Erscheinung nicht schon auffälllig genug war. Ich warf einen Blick zum Schulhaus und zum Pförtnerhäuschen. Noch hatte niemand sie bemerkt. Und wenn ih sie richtig verstanden hatte, konnte sie ihre Größe ändern, wie es ihr passte.
Eigentlich hatte ich nichts zu verlieren. Ich hatte schlechte Schulnoten und eine miserable finanzielle und familiäre Situation. Ich hatte einen armen Fabrikarbeiter als Bruder und Vormund. Aber wollte ich es schlimmer machen.
“Was suchst du denn überhaupt am alten Steinturm?” fragte ich
“Das wirst du schon erfahren.” sagte Ilva
“Na schön. Ich tu es.” sagte ich schließlich “Aber nur das”
“Nur das” versprach Ilva.
Dann war sie plötzlich weg. Aber einen kurzen Moment später spürte ich, wie sich etwas kleines, zartes in meiner Hosentasche bewegte. Ich lief los.
Ich hatte beschlossen, dem Feind zu helfen. Ich war zur Verräterin geworden. Und wusste gleichzeitig, dass ich das Richtige tat. Und die Menschen, die die Elfen hassten und fürchteten, taten das Falsche.

Als ich am Pförtnerhäuschen vorbeikam, fragte mich der Pförtner, warum ich wieder ging. Ich erzählte ihm, ich müsste in der Stadt etwas erledigen. Dann bat ich ihn, meinen Ranzen aufzubewahren.
“Na schön” brummte der Pförtner “Aber sei wieder zurück bevor der Unterricht beginnt.”
Ich versprach es ihm, und er ließ mich passieren.
Diesmal fragte ich mich ernsthaft, ob Ilva nicht auch Gedanken kontrollieren konnte. Denn so leicht zu überlisten war der Pförtner normalerweise nicht. Der Gedanke war mir etwas unangenehm.
Der Weg zum Turm war einfach. Nur als ich am Polizeirevier vorbeikam überkam mich ein mulmiges Gefühl und mir wurde mehr und mehr bewusst, wie schwer mein Verbrechen bestraft werden konnte. Ich könnte meinen Bruder in gewaltige Schwierigkeiten bringen. Andererseits war Ilva ein Mädchen wie ich. Ilva war keine Mörderin.
Ich wusste es einfach. Es widersprach jeglicher rationalen Denkweise, aber ich hätte bereits jetzt für Ilva gekämpft. Dann spürte ich, wie Ilva sich in meiner Tasche regte und mir fiel auf, dass ich stehen geblieben war. Schnell eilte ich weiter, bis ich am Steinturm ankam.

Der alte Steinturm war eigentlich nichts besonderes. Er war eben ein alter Steinturm. Eine Tür gab es nicht, nur ein rechteckiges Loch in der Wand. Die Wand war bedeckt von Graffiti und lauter Initialen, von all den Menschen, die es für nötig befunden hatten sich an dem Turm zu verewigen. Auf dem Boden lag Müll herum und es stank. Alles in allem nicht der Ort, den ich mir Elfen oder anderen Übernatürlichen in Verbindung brachte. Zögernd blieb ich am Eingang stehen.
“Komm, beeil dich, wir müssen hoch!”
Plötzlich stand Ilva neben mir und zog mich an meinem Arm die Treppe hoch. Ich fragte mich schon gar nicht mehr wie das passiert war. Ich rannte Ilva hinterher, immer im Kreis herum, die Turmtreppe hoch. Der alte Steinturm war höher, als es von außen aussah.

Als wir oben waren, hatte es gerade aufgehört zu regnen und ein kühler, kräftiger Wind wehte vom Fenster herein. Ilvas silberblondes Haar flatterte gespenstisch. Ich fragte mich, wie lächerlich das wohl mit meinem roten Kraushaar aussah. Darüber konnte ich allerdings kaum nachdenken, denn Ilva begann zu singen. Und da hörte ich auf über unwichtige Dinge nachzudenken.
Es waren leise Worte, in einer unbekannten, fremden Sprache, die ich nicht verstand. Mit einer Melodie, so schön, dass es schmerzte sie zu hören. Als Ilva aufhörte zu singen, klang die Melodie in meinem Geist nach.

Als ich, ich weiß nicht mehr wie lange, schon neben Ilva im Turm stand, hörte ich plötzlich Flügelschlagen. Unruhig blickt ich dorthin, wo Ilva schon die ganze Zeit konzentriert hinblickte. Da war etwas großes graues. Das Flügelschlagen wurde immer lauter. Wie von einem sehr großen Vogel. Als es schon sehr nah war, erkannte ich, was es war: ein geflügeltes Pferd! Das gab’s doch nicht! Das gab es doch selbst heute nicht. Selbst der alte Soldat, der jeden Abend im Gasthaus “Zum blauen Karpfen saß”, erzählte nie von geflügelten Pferden. Von Hexen, Elfen und Ungeheuern, aber nie von geflügelten Pferden. Selbst das gab es doch nur in der griechischen Mythologie! Aber das Pferd war echt -es gab sie also wirklich.
Es landete trotz seiner Größe fast ohne Geräusch.
“Du kannst es sehen?” sagte Ilva. Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage, aber ich nickte trotzdem. Ilva sah mich forsch an, sagte aber nichts. Sie schwang sich leichtfüßig aufs Pferd.
“Steig auf!” forderte sie mich auf. Ich folgte ihr. Einerseits hatte ich Angst, andererseits wäre es doch ein köstliches Abenteuer einmal auf einem geflügelten Pferd zu reiten. Ich schaffte es auch aufzusteigen, wenn auch nicht so elegant wie Ilva.

Der Flug war atemberaubend. Er war das schönste, das ich bis dahin erlebt hatte und es machte schwindlig vor Glück, die ganze Stadt von oben zu sehen. Und nicht nur die Stadt, sondern weit darüber hinaus. Selbst vom Kirchturm der Stadt konnte man nicht weiter sehen. Von hier aus sah ich sogar unsere Hütte, die Bruchbude. Dann aber fuhr mir ein erschreckender Gedanke durch den Kopf.
“Können uns die Leute nicht sehen?”rief ich gegen den Flugwind.
“Nein, wir sind unsichtbar.” gab Ilva zurück.
Das ärgerte mich. Sie hätte das doch vorhin auch gekonnt, oder?
“Hättest du dich vorhin nicht auch unsichtbar machen können?” fragte ich.Ich war wütend, weil ich dachte, ich hätte Ilva ganz umsonst den Berg hochgetragen.
“Ich bin kein Pegasus.” sagte Ilva “Wir sind unsichtbar, weil wir auf dem Pegasus reiten. Nur ein Pegasus kann sich unsichtbar machen.” sie grinste. “Das ist auch der Grund, weshalb ihr euch nicht erklären könnt, woher unsere Luftgeschosse kommen.Außerdem hat es sich doch für diesen Flug hier gelohnt, oder?”
Ich sagte nichts.Sie hatte leider so was von recht.Aber ich war immer noch aufgewühlt, weil ich Unrecht hatte.Das hatte ich manchmal.Ich fühlte mich gekränkt.Grundlos.
“Komm, beruhige dich Leah.” Ilva nahm meine Hand in die ihre."Ich habe deine Hilfe wirklich gebraucht"
Zuerst ärgerte es mich, aber dann entspannte ich mich.Vielleicht war es weil sie mich beim Namen nannte, vielleicht aber auch wegen ihrer Hand.Die Hand war rau und kühl und fühlte sich an wie Schnee.Später war mir dieser Ausbruch nur noch peinlich.
Ich lehnte mich zurück.
“Wenn der sogenannte Verteidigungsbund das wüsste, dann hätten wir den Krieg schon gewonnen.” stellte ich fest
Der Pegasus begann höher hinaufzusteigen.
“Du wirst es ihnen aber nicht verraten, oder?” fragte Ilva.
“Meine Eltern sind immer der Meinung gewesen, dass dieser Krieg falsch ist. Trotzdem sind sie für mich und meinen Bruder in den Krieg gezogen. Damit ich in die Schule gehen kann.”
“Gut” sagte Ilva, und ich konnte ein wenig Erleichterung heraushören, so, als wäre sie sich nicht sicher gewesen, ob ich sie nicht doch verraten könnte.
“Weißt du, wir wollten diesen Krieg nicht” sagte Ilva, “jedenfalls die meisten von uns nicht. Wir suchen eine friedliche Lösung für diesen Konflikt. Wir wollten nie Mörder werden. Die, die ihr Übernatürliche nennt, meine ich. Wir hatten nur das ewige Schattenspiel, dieses Verstecken satt. Wir dachten, die Menschen wären in ein paar Jahrhunderten klüger geworden”

Ich merkte bald, dass wir wieder tiefer flogen. Einmal zischten wir haarscharf an einem Dachgiebel vorbei. Es war seltsam, unter sich um einander wuselnde Menschenmengen zu sehen, fast als könnte man sie berühren, und doch so fern, weil sie mich nicht sahen.
Schließlich landeten wir in einer leeren Häuserschlucht zwischen der Schule und einem anderen Gebäude. Ich wusste, dass ich jetzt absteigen musste. Also stieg ich ab.
“Danke für deine Hilfe.” Ilva sah mir in die Augen. “Nicht jeder hätte das getan.Die Elfen werden dir dankbar sein.”
“Bitte.” sagte ich, und sah zu Boden, weil ich nicht wusste, wo ich hinsehen sollte. Noch nie hatte ich erlebt, dass sich irgendjemand bei mir so bedankte “gern geschehen.”
“Das soll dir nicht peinlich sein.” sagte Ilva “Ich bin dir wirklich dankbar.Hier, das gehört jetzt dir.” Sie reichte mir ihr Messer. Ich wollte es nicht, aber sie drückte es mir in die Hand. Ich musste immer noch an meinen sinnlosen Wutausbruch von vorhin denken.
“Es rostet nicht und wird auch nicht stumpf. Gehe bitte achtsam damit um. Und vergiss nie, wir wollen auch nur Frieden, genau wie ihr” Bei diesen Worten sah sie mir wieder in die Augen und legte ihre Hand an meine Schulter. Mich machte das ganze immer noch nervös.
“Also dann.” sagte Ilva “Auf Wiedersehen!” Sie beugte sich vor und der Pegasus flog wieder los.
“Tschau.” sagte ich. Ich war mir irgendwie nicht sicher, ob wir und wirklich wiedersehen würden.
Lange sah ich dem immer kleiner werdenden Punkt am Himmel nach, mein neues Messer in der Hand. Was sollte ich mit dem Ding denn anfangen?Aber kaum ging ich die Möglichkeiten durch, sprach mich der Pförtner an.
“He, Mädchen!” rief er und ich drehte mich schnell um, das Messer versteckte ich in meiner Jackentasche.”Gleich klingelt’s. Hier, deine Tasche,” sagte er und warf mir meinen Ranzen zu.
“Danke” murmelte ich und warf mir den Gurt über eine Schulter.
“Beeil dich lieber, sonst kommst du noch zu spät.”

Der Rest des Tages verging wie immer; es war alles trostlos und langweilig, aber ich hatte zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl, dass da jemand war, dem ich wirklich vertrauen konnte. Abends, als ich mit Lukas ein kleines Vesper aß, redete ich nicht viel. Ich war innerhalb von wenigen Minuten zur Verräterin geworden. Ich hatte es nur halb bewusst getan, aber doch spürte ich, dass es richtig war. Ich hatte schon immer geahnt, dass die Übernatürlichen genausowenig Krieg wollten wie die Menschen, aber zum ersten Mal hatte ich ein Zeichen bekommen, dass mir sagte, dass ich Recht hatte.

Ich ließ mich Abends erschöpft ins Bett fallen. Es war kein besonders anstrengender Tag gewesen, aber allein das Wissen, dass ich nicht die einzige war, die den Frieden wollte, erschöpfte mich. Obwohl es kalt war, ließ ich das Fenster offen. Und als ich in die Nacht hinauslauschte glaubte ich, leise und aus weiter Ferne ein Lied zu hören, so schön, dass es schmerzte.

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  1. Oh man *-* Bitte baue schwarze Pegasusse (wie heißt das?:D) ein *-* das sähe bestimmt schön aus *-* :D
    oder halt graue :D *-*

    LG Anna

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    1. Naja... ich weiß gar nicht mehr mit welcher Farbe ich mir den Pegasus vorgestellt (Mehrzahl wäre übrigens Pegasi) habe, aber mir ist es ehrlich gesagt wurscht, ob die gut aussehen xD

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    2. Dir ist das egal? Tze tze tze du hast grad die Würde eines jeden Pegasi beleidigt :D

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    3. Ähm... die Würde eines jeden Pegasus... in dem Fall ist es Einzahl....
      Ich habe die Geschichte eigentlich nicht als Fortsetzungsgeschichte, sondern als Kurzgeschichte mit offenem Schkuss geplant... vielleicht schreibe ich irgendwann weiter, aber momentan habe ich zu viele andere Pläne...

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