Aus irgendeinem Grund mag ich Neuerzählungen, egal ob ich das Original schon kenne oder nicht. Aber da wir dieses Jahr "Nathan der Weise" in der Schule gelesen haben, ist mir das hier natürlich noch eher aufgefallen, auch wenn ich schon vorher wusste, dass wir es in der Schulbibliothek hatten.
Mirjam Pressler erzählt hier im Grunde genommen die gleiche Geschichte wie Lessing und am anfang dachte ich, dass es eigentlich nichts neues ist. Die Grundbotschaft bleibt ja auch die gleiche. Aber es war dann doch ein bisschen mehr.
Dadurch, dass sie das ganze in Prosaform erzählt (Na, wer liest heutzutage schon freiwillig Theaterstücke? Von mir und anderen komischen Vögeln mal abgesehen), erzählt sie auch enorm viel Hintergrundgeschichte, über die einzelnen Figuren und die historische Zeit, in der die Geschichte spielt, wie es in einem Theaterstück so nicht möglich ist.
Ich hatte sogar den Eindruck, dass sie deutlich gründlicher recherchiert hat als Lessing, so erzählt sie viel über jüdische Gebräuche, über das Leben im Mittelalter, sowohl in Europa als auch im Nahen Osten und die Unterschiede zwischen Juden in diesen beiden Kulturräumen. Wobei sie als Jüdin eben das hinzufügt, wofür Lessing, dem es ja hauptsächlich um die ideelle Vermittlung seiner Ideen ging, keinen größeren Rechercheaufwand betrieben hat. Ab da beginnt es dann spannend zu werden, wie Mirjam Pressler immer wieder kleine Details einwerfen, die zwar nichts am Grundinhalt ändern, aber die Geschichte lebendiger machen.

