Tuesday, March 17, 2015

"Nathan und seine Kinder" -Mirjam Pressler (oder auch: "Nathan der Weise" und die Blüte die er getrieben hat)

Aus irgendeinem Grund mag ich Neuerzählungen, egal ob ich das Original schon kenne oder nicht. Aber da wir dieses Jahr "Nathan der Weise" in der Schule gelesen haben, ist mir das hier natürlich noch eher aufgefallen, auch wenn ich schon vorher wusste, dass wir es in der Schulbibliothek hatten.

Mirjam Pressler erzählt hier im Grunde genommen die gleiche Geschichte wie Lessing und am anfang dachte ich, dass es eigentlich nichts neues ist. Die Grundbotschaft bleibt ja auch die gleiche. Aber es war dann doch ein bisschen mehr.

Dadurch, dass sie das ganze in Prosaform erzählt (Na, wer liest heutzutage schon freiwillig Theaterstücke? Von mir und anderen komischen Vögeln mal abgesehen), erzählt sie auch enorm viel Hintergrundgeschichte, über die einzelnen Figuren und die historische Zeit, in der die Geschichte spielt, wie es in einem Theaterstück so nicht möglich ist.
Ich hatte sogar den Eindruck, dass sie deutlich gründlicher recherchiert hat als Lessing, so erzählt sie viel über jüdische Gebräuche, über das Leben im Mittelalter, sowohl in Europa als auch im Nahen Osten und die Unterschiede zwischen Juden in diesen beiden Kulturräumen. Wobei sie als Jüdin eben das hinzufügt, wofür Lessing, dem es ja hauptsächlich um die ideelle Vermittlung seiner Ideen ging, keinen größeren Rechercheaufwand betrieben hat. Ab da beginnt es dann spannend zu werden, wie Mirjam Pressler immer wieder kleine Details einwerfen, die zwar nichts am Grundinhalt ändern, aber die Geschichte lebendiger machen.

Sie wirft einige Fragen auf, in dem Versuch, sich in die Zustände der Zeit einzufühlen um die Handlungsweise der Figuen zu erklären, oder zu hinterfragen; warum beispielsweise ein Tempelherr, der ja eigentlich ein Keuschheitsgelübde abgelegt hat, überhaupt offen damit umgehen kann, dass er sich von einer Frau angezogen fühlt. Über die enormen Identitätszweifel, die es im Mittelalter eigentlich bedeutet hat, wenn man plötzlich Unklarheiten über die eigene Herkunft und Religion hat, schließlich war die religiöse Identität der Mehrheit der Menschen viel wichtiger als zu unserer Zeit. Und auch immer wieder kleine Einwürfe zu den Kreuzzügen. Dinge, die Lessing übergangen hat, weil sie zu seiner Zeit den meisten Menschen noch ersichtlich waren (Nun ja, über die Kreuzzüge  müssten wir heutzutage in der Schule ja auch lernen, aber wie haben eben weniger Zeit dafür, weil der zweite Weltkrieg den meisten Geschichtslehrern wichtiger ist) außerdem sollte vieles an dem Theaterstück wohl auch witzig sein, so wie man ja auch heute noch über Video lacht, in denen eine Nonne den Strauss der Braut fängt.
Dafür erzählt Mirjam Pressler deutlich emotionaler und näher an den Figuren und da schlägt die moderne Erzählweise zu. Schließlich hat man zu Lessings Zeiten Figuren meist nur von außen betrachtet und keiner hat sich klare Gedanken gemacht, was wohl in ihren Köpfen vorgeht. Und das mochte ich sehr. Wir erfahren mehr über die Vergangenheit jeder einzelnen Figur, selbst von den Figuren, die Mirjam Pressler dazuerfunden hat und alles schließt sich zusammen, um die Handlungsweise der Figuren besser zu erklären. Obwohl das Ende deutlich bitterer ist als beim Original, finde ich im nachhinein betrachtet (jetzt, so nach einer Woche) dieses Buch viel herzerwärmender. Vor allem finde ich die Frage nach der Identität und die Erkenntnis, dass die Religionen zwar Unterschiede aufweisen, aber Anhänger dieser alle eben Menschen sind, die sich am Ende doch kaum unterscheiden schön. Da habe ich mich auch persönlich drin wiedergefunden.

In Lessings Nathan werden am Ende alle ungelösten Fragen geklärt, hier ist das nicht so. Es wird dadurch fast zu realistisch für meinen Geschmack. (klar, in der Realität war "Nathan der Weise" schon damals unglaubwürdig, deswegen gilt es trotz des ernsten Themas als "Lustspiel", also als Komödie, aber Mirjam Pressler hat halt... eine offenes Ende draus gemacht) Es ist ihr nicht so wichtig, wie alle miteinander verwandt sind und was Recha eigentlich ist. Recha ist ihr ganzes Leben als Jüdin aufgewachsen, das ist ihre Identität, warum also sollte sie je Christin sein wollen, nur weil sie herausfindet, dass sie getauft wurde? (Okay, das versteht man wirklich nur, wenn man die Geschichte kennt)
Mirjam Pressler ist offenbar überzeugt, (so interpretiere ich das) dass die Umwelt, in der ein Mensch aufwächst, ihn mehr prägt,  als irgendetwas, als das er geboren wurde. Und ich stimme ihr vollkommen zu.

Ein paar Mängel hat die Modernisierung der Erzählung auch aufzuweisen. Manchmal hatte ich das Gefühl, weniger modern, weniger vereinfachend und nur ein klitzekleines bisschen poetischer hätte es auch getan. Besonders an einigen Schlüsselstellen, wie an der Stelle, als Nathan seine Ringparabel erzählt, klang es wie ein Schulbuch, in dem irgendeine Lehrerin den Schulstoff nochmal in doof erklärt. Da hat die Vereinfachung einfach nicht in den Erzählfluss gepasst. Ich verlange da nicht, dass sie Lessing wortwörtlich zitiert, aber die Stelle hat sich irgendwie beim Lesen verkrampt angefühlt. Die Stellen, die dann wieder mehr in das Innenleben der Figuren reingingen waren da wieder besser. Ich habe den Eindruck, dass der Erzählfluss vor allem bei den Dialogen ein wenig strauchelt. Ansonsten mochte ich ihn aber.

Insgesamt finde ich die Neuerzählung sehr gelungen, auch wenn ich nicht weiß, welche Version von Nathan ich eigentlich mehr mag. Lessing ist eben ein bisschen veraltet, aber bei ihm steht die Handlung und die Dialoge (< also in einem Theaterstück. Dialoge. Ihr wisst schon ;-)) im Vordergrund, ist aber abgesehen von der gewöhnungsbedürftigen Sprache bleibt er schlicht und geradeaus, während Mirjam Pressler in ihrer Neuerzählung farbenfroh alles ausmalt was er an Gerüst geboten hat.
Beide erzählen die gleiche Botschaft, die eben auch nach tausend Jahren (nicht tausend Jahre nach Lessing, aber immerhin tausend Jahre seit den Kreuzzügen) noch aktuell ist, dass es eigentlich Blödsinn ist, sich wegen seinem Glauben gegenseitig abzuschlachten und dass es eigentlich keiner beantworten kann, welche der drei abrahamitischen Religionen jetzt die richtige ist.

Und, noch ein kleiner Tipp für alle, die Nathan vielleicht mal als Schullektüre lesen müssen: Wenn ihr Nathan nicht versteht, kann dieses Buch euch sicherlich nochmal erklären, worum es da geht, auch wenn es leicht variiert. Ich persönlich finde "Nathan der Weise" gar nicht so schlimm, aber bei meinen Klassenkameraden sah das in der Mehrheit offenbar etwas anders aus ;-)

Und damit verabschiede ich mich von euch. Meine Bewertungsdelphine sind ab sofort abgeschafft, warum, werde ich demnächst vielleicht noch begründen, ansonsten schlagt euch einfach in nächster Zeit nicht die Köpfe ein,

eure Mulan

8 Kommentare -gib deinen Senf dazu:

  1. "Nathan der Weise" war Deutschlektüre. Dadurch wird jedes Buch, egal wie gut oder schlecht, einfach nur noch Tortur ;)

    Neuerzählungen mag ich eigentlich auch immer ganz gerne, aber ob ich die Erinnerungen an "Nathan der Weise" nochmal hochholen möchte....

    Liebe Grüße,
    Lena

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    1. Okay, ich hab's ja schon zugegeben, ich bin ein wenig speziell :D
      Aber weißt du, die Deutschlektüren sind immer nur halb so schlimm wie sie klingen. Ich ignoriere grundsätzlich alles, was mir das Lese von irgendetwas verbittern könnte und da gehören blöde Aufgaben in Deutsch dazu ;-)

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  2. Ich finde, Nathan rockt. Habs freiwillig für die Uni gelesen. Und wenn ich meinen Kerl nerve, zitiert der manchmal meinen Liebslingsspruch: "Weib, mach mir nicht die Palmen verhasst, unter denen ich sonst so gerne wandle." Aber das ist vielleicht nur lustig, wenn mans gelesen/gesehen hat.

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    1. Nathan rockt :-) Schön, dass er nicht allen verhasst ist :-)
      Dein Freund sagt das zu dir? :D
      Mein Lieblingsspruch aus einem Theaterstück wäre eher: "Der Starke ist am Mächtigsten allein" aus Wilhelm Tell, obwohl es ja eigentlich schon ein ziemlicher Solo-Spruch ist. Aber ich mag den Spruch trotzdem :D

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    2. Wilhelm Tell ist glaub ich das einzige Stück von Schiller, dass ich immer noch nicht gelesen habe... Aber ich bin mal in dem Dorf gewesen, wo es in dem Stück heißt "Durch diese hohle Gasse muss er kommen." Ich hab keine Ahnung, was das eigentlich heißt, vielleicht kannst du mir da helfen, aber jedenfalls hab ich die Gasse gesehen ;)

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    3. Dafür habe ich alles andere von Schiller noch nicht gelesen :D
      Das war die hohle Gasse, durch die der Landvogt kommen musste und in der Tell ihm dann aufgelauert ist und ihn erschossen hat. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das wirklich eine Gasse, oder nicht irgendwie, ich glaube ein enges Tal oder ähnliches war. Trotz der ausführlichen Beschreibungen der Szenerie am Anfang hatte ich am Ende Probleme mir die Orte alle vorzustellen. Aber die hohle Gasse war auf jeden Fall der Ort, an dem Tell den Landvogt erschossen hat.

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  3. Wir lesen Nathan den Weisen wahrscheinlich auch noch :P im Moment befinden wir uns bei Maria Stuart, was ich, mal abgesehen von dem anstrengenden Schreibstil, eigentlich auch ganz gut finde :D

    Cool, dass du dich bei einer Zeitung bewirbst! Ich wollte das auch zuerst, aber dann ist es doch ein Magazin geworden ...
    Ich wünsch dir jedenfalls ganz viel Spaß dann bei deinem Praktikum <3

    Ganz lieber Gruß,
    Cho

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    1. Maria Stuart... ich muss echt mal anfangen auch Klassiker außerhalb der Schule zu lesen. Die hören sich eigentlich alle total cool an :D

      Jaa... ich muss allerdings noch einiges mit denen klären, momentan denken die noch, ich wäre ein Junge... aber danke :-)

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