Sunday, April 26, 2015

Skrypta

Das Kloster Skrypta in den wilden Bergen im Norden Lateiniens, in einem kleinen abgeschotteten Tal, in dem hauptsächlich ein paar kleine Bauerndörfer liegen. Einmal im Jahr werden in Skrypta die lateinischen Lesemeisterschaften veranstaltet (Lesen ist Lateiniens Nationalsportart), aber den Rest des Jahres über besteht Taldorf, das am Fuß des Berges liegt, auf dessen Gipfel das Kloster Skrypta thront, nur aus ein paar bäuerlichen Einsiedlerhütten, in denen Menschen wohnen, die meist sehr abergläubisch sind und noch nie einen Blick außerhalb ihres kleinen Tals gewagt haben.

Die Schwestern und Brüder von Skrypta, meist zusammengefasst als "Skryptaner" bezeichnet, sind da meist etwas weltgewandter. Die meisten von ihnen waren jahrelang wandernde Lesemeister bevor sie dieses Leben schließlich für einen Ruhestand im Kloster beendeten. Andere Bewohner des Klosters sind die Köchin, die schon seit Jahren dort lebt, Menschen, die anderswo kein Zuhause finden und jungen Menschen, die nach Skrypta geschickt werden, damit sie ordentlich lesen lernen. Außerdem kommen viele Bücherliebhaber und Schriftsteller Jahr für Jahr (wenn sie sich dazu aufraffen können, die anstrengende Wanderung durchs Gebirge anzutreten) nur um die bemerkenswerte Bibliothek des Klosters zu bestaunen. Sie fängt zum einen schon in der Eingangshalle an, in der sich schon überall Bücher stapeln, weil keiner weiß, wohin damit, setzt sich in den langen Gängen und Fluren des Gebäudekomplexes fort und geht sogar bis hinaus ins freie. Skryptas Kreuzgang ist voller Bücherregale und statt Gebeten murmeln die Skryptaner Buchzeilen vor sich hin, den jeder von ihnen beherrscht die Kunst, beim gehen zu lesen und so laufen manche von ihnen dort stundenlang lesend auf- und ab.

Am schönsten ist wohl die Baumhausbibliothek von Skrypta. Sie wurde in den Bücherkriegen zwischen den Skryptanern und einem weiteren Bücherorden, den Leganern erbaut, als Skrypta unter Belagerung stand. Zuvor gab es eine unermessliche Burganlage voller Bücher, mit Katakomben, die tief in den Berg hineingingen (inzwischen verlassen und z.T. eingestürzt) die aber im großen und ganzen inzwischen zu Ruinen verfallen ist. Nur der älteste Teil dieser Burganlage, nämlich das ursprüngliche und heutige Klostergebäude wurde nach dem Krieg wiederaufgebaut.


Damals im Krieg kämpften Skryptaner (die häufig selbst Bücher schrieben, sehr laissez-faire mit ihren gebundene Seiten umgingen, meist chaotisch waren und auch mal in der Badewanne, am Esstisch oder im Regen lasen, da es ihnen mehr um den Inhalt als um das Papier ging) und Leganer (die rein lesende Fraktion, die nur dem reinen Lesen huldigte, Schriftsteller zu Göttern erhob, und für die der kostbare Bucheinband und das Papier einen immens hohen Wert hatten. Viele von ihnen waren Buchmaler und Illustratoren, die die Geschichten, die sie lasen, in Bilder fassten, um den nachfolgenden Lesern ihr persönliches Kopfkino zu erzwingen. Außerdem befanden sie es für Gotteslästerei, Bücher zu rezensieren) gegeneinander, wobei beide Seiten, wie in solchen Konflikten üblich, stur und erbittert auf ihrer Meinung beharrten. Der Krieg führte irgendwann dazu, dass die Leganer den Skryptanern alle Bücher fortnehmen wollten, um die kostbaren Schätze fern von diesen Frevlern zu halten. Die Skryptaner waren derweil beschäftigt, alle Bilder und Zeichnungen aus fiktionaler Literatur zu entfernen, da sie sich auf dem Höhepunkt des Krieges selbst immer mehr radikalisierten und befanden, das Bebildern von allem, das die Leganer betrieben zerstöre die Fantasie der Leser. Die Belagerung von Skrypta dauerte sehr lange. Die Leganer waren deutlich besser bewaffnet, hätten es aber als höchstes Frevel angesehen, ein Buch ohne Samthandschuhe anzufassen, deswegen wagten sie es nicht, ihre schweren Wasserkanonen einzusetzen.  Die Folgen für die Bücher innerhalb der Klostermauern wären unabsehbar gewesen!
Aber schließlich entwickelten die Leganer eine Säure, die Steine, aber kein Papier zerfressen konnte und da stand Skrypta wirklich unter ernsthafter Bedrohung. Die chaotischen Skryptaner, die immer noch keine Pläne geschmiedet hatten, sondern hauptsächlich im Schutz der Burgfestung gelesen, gedöst, in Traumwelten gelebt und gehofft hatten, dass die Leganer bald wieder abziehen würden, weil sie im Angesicht der Gefahr auf Verdrängung gesetzt hatten.

Also versammelten sich alle Skryptaner (und Leute, die die Skryptaner unterstützten) in der Eingangshalle des Klosters, weil das damals der einzige Raum war, in dem es noch genug Platz für all die Bücher gab. Schließlich war es keiner der Schriftsteller, Literturkritiker, Sprachwissenschaftler und Bücherkenner, die die entscheidende Idee hatten, sondern ein einfacher Bücherwurm namens Thomas, der als Tischlergeselle zufällig in Skrypta war, als er eigentlich auf der Durchreise von Österreich in die Schweiz war und zufällig in Lateinien gelandet war. Genau genommen war er erstmal gar kein Bücherwurm gewesen, aber nach Wochen der Belagerung zwischen Bergen von Büchern war es unausweichlich gewesen, dass er eines Tages zu einem Buch griff und las. Jedenfalls machte er einen Vorschlag, der den Grundstein für die heutige Baumhausbibliothek von Skrypta legte.

Unterhalb der Burganlage, entlang des steilen Felsens über Taldorf wuchsen einige sehr hohe Bäume entlang des Steilhangs. An Stellen, an denen ein Wanderer beinahe unmöglich hochkam und selbst heute mit modernen Ausrüstung nur wenige Kletterer es wagen, den Felsen zu erklimmen, wurzeln die Bäume sicher am Berg. Und Thomas erklärte den verdutzten Skryptanern, dass man doch nur die Bibliothek in umziehen müsse, und zwar in Baumhäuser in den Bäumen dieses Steilhanges. Die Skryptaner waren wie die meisten typischen Buchliebhaber eher behäbig und viele von ihnen hatten  Höhenangst. Und nun solllten sie auch noch in Baumhäuser umziehen? Aber Thomas erklärte, das sei absolut sicher. Die Leganer würden niemals den Wald abbrennen, weil sie sonst den Büchern schaden könnten, eher noch würden sie mit ihren Wasserkanonen einen Waldbrand aufhalten, selbst wenn dadurch Bücher schimmeln könnten. Außerdem könnte man dann die neue Bibliothek nur durch eine schmale Holzbrücke mit der ursprünglichen Klosteranlage verbinden und somit das Kloster absolut sicher machen. Er begann also vor aller Augen mithilfe einiger ausgeweideter Bücherregale, deren Inhalt man daraufhin eben auf dem Boden lagerte, eine Brücke von der Brüstung der Klosterfestung bis zu dem Baum zu bauen, der am nächsten lag. Dort baute er ein kleines Baumhaus, das zur Eingangspforte der Bibliothek wurde (heute ist sie aus Brandschutzgründen nur noch die Hintertür).

Nun begannen auch die Skryptaner und alle anderen im Kloster fleißig anzupacken, zu sägen und zu schreinern und Stück für Stück weite Terassen, teilweise mehrere Stockwerke hohe Baumhäuser und hin und wieder auch schmale kleine Plattformen und Stege in den hohen Baumwald hinein zu bauen. Alle arbeiteten verbissen, denn der Feind stand ja direkt vor den Toren und legte unweigerlich die Mauern Schicht für Schicht frei. Zwar langsam, aber gerade das war zermürbend. Die meisten verloren über die viel drängendere Gefahr ihre Höhenangst und wurden immer besser darin, mit Geschick durch den Wald zu klettern und immer schneller bauten de Skryptaner Tag für Tag ein Baumhaus nach dem anderen. Nach wenigen Tagen begannen sie sofort damit, mitsamt den wichtigsten Abteilungen der Bibliothek umzuziehen, mit alle den geistreichen Büchern, die jeder wertschätzte, mit den Abenteuergeschichten, die man öffentlich belächelte und insgeheim gerne las, mit Philosophie und Naturwissenschaften, mit Liebesgeschichten, von denen es am Ende doch einige sehr gut geschrieben gibt, und natürlich auch mit Literaturkritiken und Schreibratgebern.

Viele der gut aufgemachten, schön illustrierten und aufwändig eingebundenen Ausgaben ließ man, sofern ihr Inhalt nicht vollkommen überzeugend war, zurück. Ballast, den man der Nachwelt nicht zumuten wollte. Es waren anderthalb Wochen vergangen, als man die erlesenste Literatur der damaligen Zeit aus den Gemäuern eines altehrwürdigen Klosters in ein chaotisches Baumhaus brauchte, das sowohl das größte, als auch das höchstgelegene und unübersichtlichste Baumhaus aller Zeiten war. Man hatte keinen Plan angelegt, wie es aussehen sollte, kaum Absprachen getroffen und natürlich hatte auch keiner im nachhinein eine Karte gezeichnet. Stattdessen orientiert man sich noch heute mehr oder weniger nach Erfahrung und Erinnerung. Jedes Baumhaus beherbergt eine bestimmte Art von Büchern, teils sogar innerhalb der Abteilung systematisch eingeordnet, aber äußerlich gibt es nur ein heilloses Gewirr von Treppen, Hängebrücken, Schaukeln, Stegen, Kletterseilen und Leitern. Wenn die Baumhausbibliothek von Skrypta eines NICHT ist, dann ist das behindertenfreundlich.

Kaum war alles umgeräumt, kaum hatten die, körperlich deutlich ertüchtigten Skryptaner ihr provisorisches neues Heim bezogen, schon stürmten die Leganer die damalige Festung. Sie sammelten begierig die wunderschönen Bücher ein, die die Skryptaner zurückgelassen hatten und schickten sie sofort zu ihren Kuratoren, die den Krieg andernorts überdauerten. Dann wollten sie auch die Baumhausbibliothek stürmen, allerdings hatten die Skryptaner in der zwischen aus der Brücke eine Zugbrücke gemacht, die bei Gefahr hochgezogen werden konnte (wie es auch heute -rein theorethisch- möglich ist) und es war unmöglich einzudringen. In ihrer Wut zerstörten die Leganer den Großteil der Klosteranlage, traten aber schließlich nach einigen Wochen (die die Skryptaner mit Vogelfleisch und Eiern und Regenwasser notdürftig überstanden) den Rückzug an. Zumindest die meisten. Einige Leganer, die ursprünglich auf Verhandlungen mit den Skryptanerin gehofft hatten, begannen -obwohl der Krieg faktisch bereits beendet war- mit den Skryptanern zu verhandeln und tatsächlich stellten die Skryptaner und Leganer, die verhandlungsoffen waren fest, dass es ihnen letztendlich ja auch nur um Bücher ging.

Die nicht-so-verhandlungsoffenen Skryptaner wanderten aus und wurden in Französien zu den Skryptorianern, die dort eine elitäre Literaturkritik zu etablieren beganne, die inzwischen die Träume und Zukunftschancen sehr vieler junger französianischer Autoren zerstört hat, sodass sie von Königin Klaroline als gefährliche Organisation eingestuft wurden. Die Leganer trieben weiterhin ihr Unwesen, manche von ihnen übernahmen einige Skryptanische Ansichten und wurden zu Antiquaren und Buchbindern, die fortschrittsorientierten Skryptaner sind heutzutage als Graphikdesigner und Illustratoren für Bücher bekannt, im Amateurbereich auch mal als Fanartkünstler anzutreffen. Alle übrigen Skryptaner und Leganer (die nicht vollkommen durchknallten, auch wenn sie eine natürliche, gesunde Beklopptheit beibehielten) blieben in Skrypta, um sich weiterhin dem Lesen und schreiben zu widmen und auf hellere Tage für die Welt der Bücher zu hoffen (die dann in Form des Tolino Shine auftraten ;-)) nur wenige von ihnen ziehen von Stadt zu Stadt und Dorf zu Dorf als Wanderschriftsteller oder auch umherziehende Lesemeister, um die Wahrheit über Bücher zu predigen...

Die Baumhausbibliothek von Skrypta ist auch heute noch das ultimative Urlaubsziel für Abenteuerurlauber und Bibliophile gleichermaßen, da es einen Bibliotheksbesuch mit einer Klettertour vereint. Auch die modernen Zeiten machen vor Skrypta nicht halt und so können Touristen heute in Taldorf ihre zerfledderten Buchschätze bei "echten Skryptanischen Buchbindern" versorgen lassen, und das Plakat für die 75. jährlichen Lesemeisterschaften bestaunen, das von einer leganischen Graphikdesignerin gefertigt wurde.

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