Sunday, June 21, 2015

Kleine graue Fee

Ich wachte auf, weil wieder die Stubenfliege auf meiner Nase herumkrabbelte. Hinter meinen Augenlidern sah ich dämmriges Grau. Ich musste die Fliege endlich mal loswerden, sie irrte schon seit Tagen in meinem Zimmer herum.
Ich schlug die Augen auf, nur um festzustellen, dass die Fliege gar keine Fliege war. Ich dachte, dass es vielleicht eine große Motte war, die in der Nacht durch das Fenster reingeflogen war und war ziemlich baff, als ich feststellte, dass es ein Mädchen war. Mit Flügeln. Eine Fee.
Jedenfalls, so ähnlich. Die Verwechslung mit einer Stubenfliege oder Motte war gar nicht so weit hergeholt, denn sie hatte so ein graues T-Shirt an, auf dem "Tinker Bell for President" drauf stand und war auch sonst nichts besonderes, mit einem ziemlich alltäglichen Gesicht und mausbraunen Haaren. Nur ihre Körpergröße und die grauen Mottenflügel waren außergewöhnlich.
Das interessante war, ich war so gar nicht drauf und dran, auszuflippen. Ich war dafür noch viel zu schlaftrunken also setzte mich bloß auf um die Fee müde zu beobachten. Ich fragte mich bloß, warum ich sie sehen konnte und woher sie gekommen war. Die Fee flatterte kurz auf, nur um wieder zu mir her zu fliegen.
"Buh!" rief die Fee aus, als sie herflattert "Buh! Die kleine Stubenfliege nervt entsetzlich! Und der Menschenjunge kann die Fee leider nicht erkennen und wird versuchen sie totzuschlagen!" Sie kicherte und schwirrte einmal quer durchs Zimmer und wieder zu mir her, als würde sie sich über mich lustig machen. Als ich ihr direkt in die Augen starrte, fand sie das offenbar wahnsinnig komisch, denn sie kicherte wieder lauthals und schüttelte sich. Was für ein seltsamer Morgen. Ich wusste, dass ich nicht träumte und die Fee wohl tatsächlich da war, aber die Fee verhielt sich gleich so seltsam, wie ich es nicht erwartet hatte.
"Was ihm nicht gelingen wird, weil die kleine Stubenfliege schneller ist" sagte sie, fast in so einer Art Singsang, als würde sie mit mir spielen.

"Ähm..." ich musste mich räuspern um den Schleim aus dem Rachen zu bekommen, der sich Nachts ansammelte "du bist keine Stubenfliege, oder?"
Plötzlich blieb die kleine Fee irritiert in der Schwebe stehen, als würde sie gerade gegen eine Wand aus Luft stoßen. Sie ließ sich auf meine Bettdecke hinabsinken und hüpfte langsam auf mich zu. Dann flatterte sie hoch zu meinen Augen und starrte mir direkt in das eine und dann in das andere Auge.
"Gestern warst du noch kein Seher" sagte sie, mit diesem Ton, den man in der Stimme hat, wenn man verwirrt ist, weil etwas nicht so ist, wie es sein sollte.
"Gestern warst du noch eine Stubenfliege." sagte ich.
"Dann kannst du mich wirklich... sehen?" fragte die Fee
Ich zuckte mit den Schultern und breitete die Hände aus. Das war doch wie es gerade war, oder? Ich konnte eine Fee sehen und hören, die gestern vielleicht noch eine Stubenfliege war. Und sie sah nicht irgendwie verschwommen oder unecht aus, sie war wirklich echt, als ich den Finger ausstreckte, patschte sie mit ihrer Hand dagegen und ich spürte tatsächlich etwas.
"Irgendetwas komisches muss von gestern auf heute passiert sein." sagte die Fee und runzelte die Stirn "Was richtig komisches. Keiner wird einfach so zum Seher."
Was war ein Seher? Tinker Bell, oder wie auch immer sie hieß, machte keine Anstalten mich aufzuklären.
Dann hellte sich das Gesicht der kleinen Fee auf und sie grinste mich breit an.
Etwas komisches fiel mir auf. Gestern war tatsächlich etwas komisches passiert. Tassilos Bienenkönigin, die mich gestochen hatte...
"Das heißt, dass ich noch viel mehr Spaß mit dem Menschenjungen haben kann!" rief sie aus und lachte "wie heißt du denn?"
"Tobias" sagte ich "weißt du was das für komische Sachen sind, die passiert sein könnten?"
"Weiß ich doch nicht" sagte die Fee "ich bin erst fünf, ich weiß noch nicht viel von der Welt."
"Fünf?" fragte ich. Sie sah aus, als wäre sie zwölf. Aber vermutlich war das bei den Feen anders.
"Fünf Jahr und drei Monate." sagte sie und zuckte mit den Achseln "bei Menschen ist das anders, aber wir werden nicht so alt. Übrigens," Sie deutete eine leichte Verbeugung an und drehte sich fliegend einmal um die eigene Achse.
"ich heiße Mira. Und du hast Sand in den Augen"
Das hatte ich tatsächlich. Ich rubbelte ein bisschen an meinen Augen herum.
"Warum bist du überhaupt in meinem Zimmer?" fragte ich
 "Daran bist du schuld! Ich bin bei euch neulich reingeflogen, als mal das Fenster offenstand und ewig nicht mehr rausgekommen. Du lüftest echt selten. Und ich habe gehofft, dass du vielleicht mal das Fenster aufmachst, wenn ich dich oft genug nerve."
"Und wenn ich dich totgeschlagen hätte?" fragte ich. Ich hatte ja schließlich nur eine Stubenfliege gesehen und keine Fee. Normalerweise schlug man Fliegen eben tot.
Mira kicherte
"Versuch es doch! Fang mich!"
Sie schwirrte einmal an mich heran und tippte an meine Nase und schwirrte dann mehrmals um meinen Kopf. Ich versuchte halbherzig sie zu fangen, aber Mira war wirklich schnell und ich saß noch im Bett, also hatte ich keine Lust aufzustehen und nach ihr zu jagen. Aber ich glaube, ich hätte sie wirklich nicht fangen können. Ihre Geschwindigkeit war schon abnormal. Vermutlich hatte sie deswegen auch keine Angst vor mir, obwohl ich ja im Vergleich zu ihr ein Riese war.
Sie ließ sich im Schneidersitz auf einen meiner Bettpfosten sinken.
"Jetzt kannst du mir ja das Fenster aufmachen." sagte sie, während sie die Ellenbogen auf ihre Beine stützte und den Kopf in die Hände legte um mich so niedlich anzustarren wie es nur ging.
Also stand ich auf und ging als Fenster. Die Scheibe war zu dieser Uhrzeit noch ziemlich kühl. Als ich meine Hand an den Fenstergriff legte und spürte, wie feucht vom Schweiß sie eigentlich war, merkte ich, wie aufgeregt ich eigentlich gerade war und dass ich eigentlich Mira am liebsten noch tausend Fragen gestellt hätte, auch wenn ich ahnte, dass sie sie mir nicht würde beantworten können. Außerdem fühlte es sich komisch, Abschied von einer Fee zu nehmen, wenn es die erste Fee war, der man je begegnete. Aber ich vermied es trotzdem lieber, im Schneckentempo das Fenster auszumachen, nur weil ich mir nicht sicher war, weil das behämmert ausgesehen hätte.
"Also..." sagte ich zu Mira, als sie sich abflugbereit ans Fenster stellte und mich erwartungsvoll anschaute
"Tschau." Etwas Besseres fiel mir in dem Moment nicht ein. Spontan musste ich noch unwillkürlich eine Frage aussprechen, die mir schon die ganze Zeit im Kopf herumschwirrte.
"Ist das mit Tinker Bell ernst gemeint?" fragte ich. Toll gemacht, da hatte ich so viele andere Fragen und jetzt wo ich sie kurz davor war, abzuschwirren, stellte ich die sinnloseste von allen. Mira runzelte die Stirn, als wüsste sie nicht, was ich meinte.
"Dein T-Shirt" sagte ich
"Ach so." sagte Mira und blickt auf ihr T-Shirt herab, mit der Tinker Bell for President-Aufschrift "das ist nicht wirklich Ernst  gemeint. Nur so ein dummer Spruch, den Feen sagen, weil wir unsichtbar für die meisten Menschen sind und es manchmal ganz schön nervig ist, wenn wir nicht sagen können, was wir wollen. Also immer wenn Menschen etwas tun, das uns nicht passt und wir nix dagegen tun können."
"Aha"
So ganz verstand ich das nicht.
"Wie sehen uns." sagte Mira und winkte noch einmal lächelnd und ich starrte ihr verwirrt nach, wie sie hinunter in den Garten flog und irgendwo zwischen den Büschen verschwand, mit tausend Fragen im Hinterkopf, die mir wohl so schnell keiner beantworten würde.

12 Kommentare -gib deinen Senf dazu:

  1. So ist das Leben. Da passiert was Schönes, irgendjemand vergisst, die Zeit ein bisschen anzuhalten und dann ist's wieder vorbei. Ich mag deine Fee, so klein, unbekümmert und fröhlich und ich mag die Geschichte und ich glaube, ich brauche so ein T-Shirt. Und ein bisschen Schlaf, um wieder in der Lage zu sein, geistreichere Kommentare zu schreiben, ich fürchte, mein Gehirn ist seit zwei Uhr nicht mehr aus dem Energie sparen-Modus raus gekommen.

    Alles Liebe,
    Mara

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    1. Stimmt, Feen können gar nicht anders, schon weil kurze Zeiten für sie ewig her scheinen und das Gestern bei ihnen schnell verblasst...

      Dabei war das hier gerade um Mira überhaupt Leben einzuhauchen, bisher war sie nur eine namenlose Fee in der Geschichte, die endlich eine eigene Geschichte brauchte...schön, wenn dieses kleine Fitzelchen Geschichte für sich auch ein bisschen Sinn ergibt :-)

      Hihi, ich könnte anfangen T-Shirt Designs zu entwerfen :D

      Macht nichts, es war trotzdem nett einen Kommentar zu kriegen :-)

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  2. Heey :) You should have a translator so that others can understand too :P hahaa sounds like a nice blog but I do not understand XD

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    1. Basically this is what I did for a whole year myself: Translating this blog. If you dig in my archive, you'll still find a lot of English content. Just this year in january I realized, that I simply don't have the strength to blog on a bilingual blog. I have got an English blog too, with a slightly different (though very similar) topic, but I'm not doing the effort anymore, of translating everything. Also, I do not believe in Google Translate. Would destroy every the poetry of unpoetic things.

      If you're interested: This post is a fragment of a story, basically about a boy meeting a fairy in his room, after he always thought she was just a fly and now realized he can see fairies.

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  3. Also erst mal, die Geschichte finde ich ziemlich klasse, mit dieser gewissen Portion Ironie geschrieben und gleichzeitig leicht absurd-komisch. Kriegen wir eine Fortsetzung zu lesen? Und bin ich komisch, weil ich Tinker Bell nicht kenne??

    Über deinen Kommentar hab ich mich ganz besonders gefreut. Kennst du das, wenn Leute sich als etwas herausstellen, was man absolut nicht erwartet hätte? Ist vielleicht oberflächlich, aber da du ja ursprünglich nicht aus Deutschland kommst, hab ich da wohl falsche Schlüsse gezogen :)
    Ich weiß da auch so ein paar Personen, die denken, sie könnten schwäbisch und dann mit grauenhaftem Möchtegern-Dialekt anfangen zu schwäbeln. Na ja. Bin ja jetzt auch nicht der Schwabe in Person und meine Oma schlägt wahrscheinlich die Hände überm Kopf zusammen über meine Sprechweise ..

    Alles Liebe,
    Cho

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    1. Hallo Cho, entschuldige bitte die späte Antwort :-|

      Was eine Fortsetzung angeht: Jein. Das hier ist Teil eines Schreibprojektes, und ich hab ihn vor allem geschrieben, um mehr über die kleine Fee zu lernen, bis ich wirklich dieses Projekt zu Ende bringe, kann das noch lange dauern, also daher kann das noch länger dauern, bis du eine Fortsetzung lesen kannst.

      Tinker Bell ist die Fee aus Peter Pan :-) sie heißt aber in manchen Buchübersetzungen und Synchronisationen von Peter Pan, die nicht die Disney Version sich anders, z.B. Glöckchen.

      Öhm, ich wurde ja eigentlich in Tübingen geboren... Aber schwäbisch kann ich auch nur in der Theorie. Schreiben geht ganz gut und wenn ich den Text auswendig lernen würde, ginge das auch, bloß selber aussprechen? Ich kann eben das Schwäbische gut verstehen, aber ich trau mich von vornherein nicht, wirklich schwäbisch zum schwätza, das wäre der reinste Krampf.

      Frage, was richtiges Schwäbisch ist. Meine Oma war Donauschwäbin und mein Opa wuchs in Bayern auf, aber sie sind schon ziemlich assimiliert... Meine Mutter versucht es auch. Und ich finde es peinlich, gerade weil ich es selber ebenso wenig kann.

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  4. Andere Frage (der Kommi gehört hier nicht hin, aber es ist der letzte Post): Sammelst du eigentl noch Spam? Hätte da was Schönes für dich :) Grade eingeflattert:

    Hallo Schatz
    Wie geht es dir Hoffnung fein, mein Name ist Helen Demba i stöbern Sie in Ihrer E-Mail-Adresse und entscheiden, Sie zu kontaktieren, damit wir einander mehr wissen, schreiben Sie bitte an mich an spam@spam.com, so dass ich Ihnen sagen, mehr über mich ok danke

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  5. Naja, richtig gesammelt hab ich den eh nie. Ich habe es leider verpasst ein paar Juwelen des Spams zu verposten, aber so wichtig ist das dann auch nicht :D

    Oh Mann xD das ist bekloppt. Schon allein die Email Adresse... Und stell dir vor das wäre ernst gemeint, dann wäre es ja wirklich süß :D

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    1. Nö, die Mailadresse hab ich geändert! Wollte ja nicht den Spam verbreiten! Aber die Mischung aus du und Sie und dann das Schatz dazu ... Großartig :D

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    2. Ups, hatte mich schon gewundert :P
      Ich finde die willkürliche Kommasetzung interessanter. Und das "Hoffnung fein" und "ok danke" :D
      Du und sie vermische ich ja schon ab und zu einmal, besonders im Chor oder bei anderen Projekten, wo man plötzlich mit Lehrern in trauter Runde dasitzt und vergisst, dass das überhaupt eine Schulveranstaltung ein soll...

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    3. Ja, beim Sprechen ist das ja was Anderes. Ich hasse es generell, Leute zu Siezen, wenn ich mich mit denen richtig unterhalte. Also alles wo ich nur was Einkaufe oder nach dem Weg frage oder irgendwas, muss schon das Sie sein, find ich. Aber sobald da Smalltalk gemacht wird, finde ich das Sie einfach nur unerträglich.

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    4. Das erinnert mich an etwas. Ich mache ja bei der Politik-AG meiner Schule mit und der verantwortliche Lehrer (Gemeinschaftskundelehrer, was sonst) hat uns irgendwann das Du zumindest für die Zeit angeboten, in der wir unter uns sind. Und dabei hat er gescherzt, dass ich bei ihm in den ersten Unterrichtsstunden sowieso ein paar Mal geduzt habe (nicht absichtlich) und das sowieso nicht nötig hätte. Bei einem Lehrer wie dem ist die Hemmschwelle zum Du wirklich sehr niedrig. Zugegeben, die Geschichte ist schriftlich auch nicht mehr so witzig.

      Man gibt sich häufig bei solchen Lehrern Mühe, sie nicht direkt anzusprechen, um sie weder duzen noch siezen zu müssen.

      Ich finde es z.B. interessant, dass bei Harry Potter und anderen Übersetzungen englischer Bücher das You stellenweise als ein Sie übersetzt wird, obwohl es die Unterscheidung gar nicht gibt und abgesehen davon, dass die Schüler manchmal auch gesiezt werden ergibt es einfach Sinn. Im Deutschen wäre es total komisch, wenn man das weglassen würde.
      Sobald es irgendwie offiziell wird und was mit Beamten zu tun hat.

      Als ich mein Praktikum bei der Zeitung hatte, da war das auch kompliziert, weil etwa die Hälfte auf ein gegenseitiges Du und die andere auf einem Sie bestand.

      Wenn man es so betrachtet, ist es für Menschen, die eine Sprache ohne diese Unterscheidung sprechen, verdammt kompliziert, die verschiedenen Situationen zu unterscheiden.

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