Saturday, August 22, 2015

"Seeherzen" -Margo Lanagan

Dieses Buch war mein Buchpreis von letztem Schuljahr. Wenn man bei uns einen Eins-Komma Schnitt im Zeugnis hat, kriegt man zusammen mit seinem Preis (für hervorragende Leistungen) einen Buchgutschein geschenkt, und das hier war, was ich mir ausgesucht habe. Heißt, es lag ein Jahr lang rum, bis ich es zum ersten Mal aufgeschlagen habe. Ha, was für eine disziplinierte Schülerin ich letztes Jahr noch war. Dieses Jahr ist alles in Chaos versunken. Aber das hat nichts mit den Buch zu tun. Das Buch ist wirklich gut.

Normalerweise hasse ich es, fantastische Erzählungen zu lesen, in denen eigentlich nur ganz wenig Magie drin vorkommt. Außerdem von grauem Leben auf einer grauen Insel im grauen Meer... immerhin spielt die Geschichte nicht im Mittelalter, sondern schätzungsweise im 19. Jahrhundert. Normalerweise würde mich eine solche Geschichte überhaupt nicht reizen oder fesseln und allein von der Beschreibung her habe ich mich, als ich es ausgesucht habe, gefragt, warum zum Teufel ich meinen Buchgutschein dafür hergebe. Aber diese Geschichte ist gerade, weil sie sich gar nicht wirklich darum bemüht, besonders fantastisch zu sein, so schön. Margo Lanagan erzählt einfach einen Roman mit einem kleinen fantastischen Element, das ist aber auch schon alles. Aber deswegen war es für mich auch okay, dass es wenig Magie und Merkwürdigkeiten gab. Also, es hat sich wirklich gelohnt, meinen Buchgutschein letztes Jahr dafür auszugeben.


Es geht um eine Insel im Meer namens Rollrock Island, vermutlich irgendwo entlang der britischen Küste. Dort leben Menschen, die zum Großteil sehr vernagelt und sehr veschlossen gegenüber allem sind, was anders ist als sie selbst. Dann gibt es allerdings Misskaella, die das Pech hat, dass sie anders ist als die Menschen auf der Insel und eine besondere Gabe hat. Sie wird ständig heruntergemacht, aber sie lernt auch, ihre Gabe zu nutzen und führt damit auch schließlich eine Art Rachefeldzug gegen die gesamte Insel an, wobei das, was dann passiert, offenbar schon einmal passiert ist. Dabei ist diese Geschichte keine sonderlich actionreiche Erzählung, sondern beschreibt einfach die Entwicklung der Dinge, über einen langen Zeitraum, bis zu Misskaellas Tod, wie sich das Leben auf der Insel immer wieder verändert.
Die Geschichte wird von verschiedenen Erzählern erzählt, die aus völlig verschiedenen Blickwinkeln und mit sehr weit auseinandergehenden Ansichten das Geschehen auf der Insel beschreiben. Manchmal werden Entwicklungen nur zusammengefasst schnell im Rückblick sikzziert, manche Einzelereignisse werden dafür ziemlich detailliert beschrieben. Einige Erzähler haben nur ein Kapitel, drei der Erzähler umfassen eigentlich das meiste der Geschichte, das interessante dabei ist, dass nicht abwechselnd (wie z.B. bei "Das Lied von Eis und Feuer" oder bei anderen Fantasyromane) im Pingpong zwischen verschiedenen Erzählern gewechselt wurde, sondern dass jeder Erzähler nur einen bestimmten Block hat, in dem er aus einem bestimmten Zeitraum heraus die Ereignisse schildert, dann kommt der nächste Zeitraum, der nächste Erzähler, der nächste Block, was schön übersichtlich war, weil man die chronologische Reihenfolge der Ereignisse nicht durcheinanderbringt.

Die Handlungsidee, die am Beginn steht und viele Elemente die dazwischen kommen, sind nicht neu. Trotzdem hat "Seeherzen" wirklich etwas Besonderes auf sich, etwas, das dafür sorgt, dass man die gemächliche Handlung in sich aufsaugt, obwohl Rollrock Island so trist und grau ist, und man dort eigentlich nicht sein möchte. Die Figuren sind greifbar und man kann sich die Handlung wirklich gut vorstellen, weil solche Dinge, vielleicht in etwas andere Gestalt, unter etwas anderen Umständen, auch in unserer alltäglichen Welt passieren. Irgendwie ist auch die ganze Geschichte elliptisch, sie hat also keinen richtigen Anfang und kein richtiges Ende, aber am Ende hat man wirklich eine Erzählung gelesen, mit alltäglichen Ereignissen, einzelnen entscheidenden Geschehnissen und längerfristigen Entwicklungen.

Trotz allem ist die Geschichte nicht wirklich trübselig, wenn auch nicht heiter, sondern weder das eine, noch das andere, etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt. Sie hat traurige und heitere Passagen, auch wenn die nie wirklich ausgeregt sind. Es gibt auch keine wirkliche Spannung, jedenfall keine sehr große, nur gerade so viel, dass man weiterlesen möchte, vermengt mit einem schönen Schreibstil. Und lustig ist sie auch selten.

Vorhin habe ich etwas geschrieben, das so klingt, als gäbe keine Magie in diesem Buch. Das stimmt nicht. Es gibt sehr wohl eine Art Magie in diesem Buch, aber sie wird nicht, wie in Fantasyromanen ausführlich und fast pseudowissenschaftlich erklärt und ist gleichzeitig aber auch nicht selbstverständlich, sondern etwas, das die Leute mit Misstrauen betrachten und mit allerlei Aberglauben verbinden. Kein Actionmagie, bei der es donnert und kracht und nichts, womit man Schlachten schlägt, sondern eher etwas stilleres, wie eine Kunst, oder ein Handwerk, nur dass es offenbar angeboren ist. Was diejenigen, die im Besitz dieser Gabe sind, zu Hexen macht Ich glaube, das Wörtchen Magie wird nie erwähnt, es wird nur beschrieben, dass Misskaella eine gewisse Gabe hat und was sie bewirkt, es wird vor allem immer beschrieben, was geschieht, aber viel weniger wird erklärt, es wird einfach alles gezeigt und jeder darf sich selbst etwas dazu denken.

Insgesamt finde ich die Geschichte wirklich schön. Ich tue mich wirklich schwer, sie in irgendein Genre einzuordnen. Eigentlich müsste sie einfach ein Roman sein, aber dass sind fast alle Bücher, die ich lese. Ein historischer Roman? Es spielt zwar in der Vergangenheit, aber es werden weder historische Ereignisse oder eine konkrete Zeit angegeben, genau wie der Ort nur diffus angedeutet wird. Dann also Fantasy, aber nur, damit man es halt später auch irgendwo findet. Obwohl es genau das nicht ist. Und wenn ich überlege, gibt es eigentlich keine größeren Fehler, die ich an diesem Buch gefunden habe. Kann man wirklich lesen, solange es nicht total regnerisch ist und man sich einsam fühlt, auch wenn es umgekehrt auch nicht gerade eine Sommerlektüre ist (man kann es, nehme ich an, trotzdem zu solchen Zeiten lesen). Komischerweise ist es auch so, dass es mich überhaupt nicht euphorisch oder aufgeregt macht und mich in keinster Weise aufrüttelt oder erschüttert. Da, sie ist einfach. So ist das Leben und so verhalten sich Menschen.

4 Kommentare -gib deinen Senf dazu:

  1. Hallo Mulan,

    das Buch klingt ja interessant, eigentlich lassen sich die besten Bücher nicht in ein Genre einordnen oder?
    Mein Lieblingsbuch 'Der Schatten des Windes' hat mich auch total überrascht, denn eigentlich ist es ein Roman, aber es wird auch ein wenig gruselig und spannend und auch ein bissschen historisch :)

    Liebe Grüße
    Anni

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    1. Ja, ich finde Bücher ohne klares Genre, bzw. die eine Geschichte einfach in vielen verschiedenen Facetten erzählen auch klasse :-)
      Wobei ich jetzt auf "historisch" und "gruselig" nicht unbedingt stehe :D

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  2. Hallo,
    das klingt interessant. Ok, das schreibt wahrscheinlich wirklich jeder, ich meine vor allem den Part mit der Magie. Mir ist nämlich beim Lesen aufgefallen, dass bei einer Geschichte von mir das genau der Fall ist, dass ich nämlich versucht habe, wie ich es von anderen Büchern kannte, die Magie so fundiert und sachlich/logisch wie möglich zu erklären.
    Was ich persönlich nicht so mag, sind zu häufige Perspektivenwechsel. Eine Person, zwei, vielleicht auch noch zwei mehr, und diese dann aber für kurze Zeiträume - ich gewöhne mich immer an die Hauptperson und will diese Gedanken hören und keine anderen :D vielleicht kommt mein Trauma auch von dem Buch "Ayani", wo ich alle anderen Erzähler ziemlich unsympathisch fand. Wer weiß.
    Hast du die Merlin-Saga gelesen? Die kann ich, vom Magischen betrachtet, ich weiß nicht wie ichs beschreiben soll, auch absolut empfehlen.

    Schönen Sonntag noch und liebe Grüße!

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    1. Hallo Cho,

      Darüber kann man wirklich viel schreiben und sich den Mund vollkommen fusselig reden...
      Ich finde Bücher, bei denen die Magie kein System hat, nur dann gut, wenn es zur Geschichte passt. Bei Märchen und Quatschgeschichten ist systemlose Magie in Ordnung. Aber ganz ohne System geht es meiner Meinung nach nicht. Ein paar Regeln, denen die Magie unterliegt, ohne wissenschaftlich erklärt zu werden sind eigentlich ziemlich genial. Oder wie bei Harry Potter, dass es manchmal System, Zaubersprüche und Regeln gibt und daneben die uralte, universelle, deren Regeln man versteht, ohne dass sie logisch oder rational wären...
      Ich liebe es, eine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu sehen :-) Ich finde, es lässt sich auch mit unangenehmen Charakteren aushalten, wenn man nicht ständig mitfühlen muss und ein bisschen Distanz nimmt...
      Merlin-Saga ist ziemlich unpräzise, da es vermutlich hunderte Bücher gibt... Vielleicht kannst du mir das noch ein bisschen genauer erklären? :D

      Nun ja, heute ist Samstag und Wochen danach, aber ich nehme die lieben Grüße herzlichst an und schicke sie umgehend zurück :-)

      deine Mulan.

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