Wednesday, October 21, 2015

An eine gute Freundin

Es gibt da die Tage, an denen ich weiß, was für ein verdammtes Arschloch ich bin. Wenn mir klar wird, dass ich dich viel zu oft beleidige, zu oft dumme Kommentare über dich abgebe, die sicherlich gut gemeint sind, aber dir nicht weiterhelfen. Wenn ich so ungeschminkt ehrlich sage, was ich denke -was ja nicht unbedingt die Wahrheit sein muss- dass es bereits verletzend ist, wenn ich dich richtiggehend ankotze und so kritisiere, dass mir das alles irgendwann selber auf den Magen schlägt.
Ich sage dir das immer so leichtfertig, dass du isoliert bist, und den ganzen Tag vor deinem Laptop hockst, dabei tue ich das auch und verbringe den größten Teil meiner freien Zeit eigentlich auch nur vor dem Schreibtisch.  Oder im Bett. Dabei habe ich nur das Glück, dass ich mir ein bisschen mehr leisten kann als du, wei meine Eltern mehr verdienen als deine.
Deswegen kann ich drei Wochen nach Paraguay gehen und mit Leuten verbringen, die hinterher sagen, dass die 120€ die sie dort nur an Taschengeld für allen möglichen Schnickschnack ausgegeben haben, günstig finden, während das aus der Sicht der Menschen dort eigentlich horrende Preise sind. Deswegen gehe ich auf Klassenfahrten und auf Festivals, während deine Eltern einen Kinobesuch teuer finden. Wenn ich in dem Kontext sage, dass du isoliert bist, bin ich ein Arschloch, denn keiner von uns kann etwas für seine Eltern.
Dann sage ich Dinge, über dein Aussehen, deinen Bruder und anderes, die, besonders wenn ich überlege, was ich mir dabei gedacht habe, total abfällig sind. Manchmal ist es wirklich deine Faulheit, die dich von so vielem fernhält oder das es in deinem Kopf zu fest drinsitzt, dass manche Sachen für dich unmöglich sind, aber es ist auch sehr oft einfach nur dein Pech, ein Zufall, eine unglückliche Wirkung. Dann wieder, das fällt mir viel zu oft erst im Nachinein ein, sind es bloß meine eigenen selbtstsüchtigen Gründe, warum ich möchte, dass du dabei bist. Oder du bist in Wirklichkeit nicht bei etwas dabei, weil ich schlecht geplant habe, und dir bloß nicht rechtzeitig Bescheid gesagt habe.
Dabei ging es mir doch vor zwei Jahren auch so. Ständig zu Hause, vorm Schreibtisch, außerhalb der Schule kein Sozialleben, liegt heulend auf dem Sofa und fragt sich was das Problem ist. Die Lösung war bisweilen, laut singend im Regen spazieren zu gehen. Ich glaube, dass ich damals ein besserer Mensch war. Ich habe mich viel öfter auch dann entschuldigt, wenn es unnötig war, aber auf jeden Fall wenn es nötig war. Vielleicht hatte ich weniger Selbstbewusstsein, aber ich war höflicher und hielt stärker an meinen Prinzipien fest.
Wenn ich an dich denke, habe ich das Gefühl, mein früheres Ich verraten zu haben. Und die Traurigkeit sitzt in meinem Bauch. Ich möchte, dass du weißt, dass ich darüber nachdenke und dass es mir nicht egal ist, was ich in der Vergangenheit gesagt habe.
Es tut mir Leid. Nicht nur für heute, sondern vor allem für vieles, was ich dieses Jahr gesagt oder geschrieben habe.

deine Mulan.

8 Kommentare -gib deinen Senf dazu:

  1. Eigentlich würde ich mehr schreiben wollen, aber es hat mir wirklich die Sprache verschlagen. Toller Text, chapeau. :)
    Das meiste kann ich nachvollziehen, warum? Weil ich zu oft rücksichtslos und ein Arschloch bin, zwar nie bei großen Dingen und offen. Meistens auch unabsichtlich. Das soll aber keine Entschuldigung sein.

    Ein wirklich ernstgemeintes Danke für diesen Denkstoff. <3

    Liebe Grüße,
    Kati

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    1. Nur etwas, das mich heute stark beschäftigt hat... Aber ein gutes Gefühl, wenn ich andere Leute zum Nachdenken bringe :-)

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  2. Mir geht's gerade ähnlich wie Kati, ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll. Ich finde den Text verdammt wunderbar, weil er so ehrlich ist und weil er die andere Seite zeigt - wir sind eben nicht alle rosarote Gutmenschen, aber die wenigstens schreiben darüber, dass sie sich selbst mal so aufführen wie "die böse Leute", über die immer geklagt wird. Und es stimmt ja doch. Ich weiß manchmal ganz genau, dass es vielleicht einen besseren Weg gäbe und dass ich vielleicht jemanden verletze, wenn ich auf die offensichtlichsten Dinge nicht eingehe, mich zurück ziehe, wenn etwas angesprochen wird, was ich nicht diskutieren will. Märchen sind wunderbar, aber das makellose Aschenputtel, das brav den Hass der anderen erträgt, ohne auch nur einen zynischen Gedanken auszusprechen, werde ich wohl trotzdem nicht finden. Wir sind alle mal ein bisschen scheiße, mehr oder weniger.

    Ich musste gleich nochmal nachschauen, ob ich dieses "rationale Träumerin" eigentlich noch in der Beschreibung hatte. Und habe dann gleich mal eine neue "Über mich"-Seite geschrieben, wo ich gerade dabei war.^^
    Ach ja, ich habe gerade auch eher eine passive Blog-Phase, ich kommt ja nicht mal mit den Posts hinterher und dann noch kommentieren ... aber manchmal gibt's eben was zu sagen. :)

    Alles Liebe,
    Mara

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    1. Ich glaube, jeder Mensch trägt irgendwo einen Abgrund in sich, aber die meisten Menschen erlauben es sich selbst nicht einmal, darüber nachzudenken. Alle geben sich so ruhig und ausgeglichen, und ziehen die Augenbrauen hoch, machen sich drüber lustig oder schauen weg, wenn dann jemand einen Ausraster hat, weil ihm der Kragen platzt, weil das Fass im Inneren voll ist... dabei haben sie das auch, sie zeigen es bloß noch weniger offen. Genau, wir sind alle mal ein bisschen scheiße, mehr oder weniger. Wobei das, zumindest in Büchern und Filmen ja mittlerweile immer mehr aufbricht. Selbst wenn die Geschichte relativ flauschig ist, tun die Figuren wenigstens nicht mehr einfach alle, was man ihnen sagt.

      Ich finde es ja vor allem wichtig, dass man, gerade wenn man Gutes tun will, auch seine eigenen Fehler und Schwächen offenlegen sollte. Gerade das braucht man doch eigentlich um glaubwürdig zu sein, oder?

      Ich hatte das deshalb im Kopf, weil ich grad bei dir vorbeigeguckt habe...
      Pff, dabei bin ich doch diejenige, die noch mehr hinterherhinkt... die letzten zwei Posts waren ironischerweise die spontansten und doch eigentlich aussagekräftigsten Posts dieses Jahres. Ich will eigentlich immer wieder mal wirklich auch meine Seele auskotzen, aber das klappt natürlich doch höchstselten... und bei dir müsste ich auch mal wieder kommentieren ;-)

      liebe Grüße, Mulan

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    2. Und was soll ich dazu jetzt schon wieder sagen? Eigentlich gibt es wenig zu ergänzen.
      Es ist so schade, dass einem immer noch diese perfekten Menschen vorgegaukelt werden - was ich jetzt nicht auf unsere Zeit schiebe, das war ja schon immer so, Kriemhild war auch so ein wunder-oh-wunder-Mädel - und man versucht, selbst so zu wirken. Gerade im Internet, wo das so unglaublich leicht ist ... Und wo man den Leuten zeigt, was sie sehen wollen: das perfekte Tumblr-Leben. Als ob. Solche Blogs/Instagram/Tumblr/Blabla-Accounts sind vielleicht nett anzusehen, aber dafür auf die Dauer ziemlich langweilig.

      Bei mir ist gerade alles so wirr im Kopf, ich kriege das nicht mal spontan nett aufgeschrieben. :D Aber ich hoffe mal, das wird demnächst ein bisschen klarer.

      Alles Liebe :)

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    3. Kriemhild weiß ich nicht mehr genau... War das Siegfrieds Geliebte? Ich kenne die Geschichte aber kaum. Hast du das grad zufällig in deinem Studium? :D

      Perfekte Bilder. Manchmal überlege ich mir, ob ich mich nicht auch endlich selbst auf meinem Blog zeigen sollte, gerade WEIL ich doch nicht die perfekte Figur habe, um ein unvollkommenes Bild zu präsentieren und wenn ich es doch nicht tue, frage ich mich, ob nicht all das der Grund ist.

      Mir fällt das auch manchmal schwer, auf verworrene Kommentare zu antworten :-)

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    4. Ich muss demnächst zwei Strophen aus dem Nibelungenlied übersetzen, aber sonst habe ich mich noch nicht damit beschäftigt - fiel mir bloß gerade als Beispiel ein, dass schon ein paar Jahrhunderte alt ist. :D

      Wenn du dich damit wohl fühlst, warum nicht, aber ich finde, wer im Internet lieber mal auf sein Äußeres verzichtet (um im schlimmsten Fall nicht darauf reduziert zu werden, ob jetzt im 'positiven' oder 'negativen' Sinne sei mal dahingestellt), kann das auch machen, das ist ja das Schöne daran.

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    5. Ich weiß halt, dass Kriemhild drin vorkommt, selber gelesen habe ich es noch nicht...
      Man könnte ja noch direkt zu den ägyptischen Göttern gehen, die waren auch ziemlich überhöht und anders als bei den griechischen/römischen gab es auch keine wirklichen Zankereien und verworrenen Geschichten, ein Grund, weshalb Percy Jackson interessanter ist als die Kane Chroniken.

      Ich glaube schon, dass ich künftig auch mal Bilder posten werde, aber ich werde mich trotzdem nicht in jedem Post zeigen. Ist einfach nicht so mein Ding. Aber generell dagegen bin ich auch nicht.

      Auf das äußere reduziert... das erinnert mich an ein ziemlich unangenehmes Erlebnis von heute. Nicht schön.

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